Die Klassiker lesen: John Rawls

Wer sich ernsthaft mit der Frage der Gerechtigkeit beschäftigt, wird früher oder später auf John Rawls stoßen, einen außergewöhnlichen Denker, der dem Spektrum des Liberalismus zuzuordnen ist.

Rawls trug wesentlich zur philosophischen Begründung des egalitären Liberalismus im 20. Jahrhundert bei. Diese Form des Liberalismus fordert eine möglichst starke Gleichbehandlung aller Menschen vor dem Gesetz.

Eine Theorie der Gerechtigkeit

In seinem Hauptwerk „A Theory of Justice“ geht Rawls davon aus, dass sich Gerechtigkeit zunächst über eine formalisierte Gleichbehandlung aller Personen herstellen lässt – diese Idee erscheint naheliegend, ist jedoch keineswegs trivial: Denn eine rechtliche Gleichbehandlung führt nicht in jedem Fall zu einer gleichen Wirkungen – eben weil die Menschen und ihre Institutionen unterschiedliche Prioritäten setzen: Ein Verbot einer bestimmten Rauschdroge kann einerseits gesellschaftlich sehr sinnvoll sein, andererseits könnten damit auch in manchen Staaten jahrhundertealte religiöse Traditionen, etwa von Ureinwohnern, unter Strafe gestellt werden. Solche Gegenargumente zur Position Rawls finden sich etwa innerhalb des multikulturellen Liberalismus, der stärker auf die Eigenheiten und Bedürfnisse unterschiedlicher Gruppen eingeht.

Durch Verhandlungen zur gerechten Gesellschaft?

John Rawls empfahl ein spannendes Gedankenexperiment, um sich der Idee der Gerechtigkeit zu nähern:
Man stelle sich eine äußerst ungewöhnliche Verhandlungssituation vor: Die Menschen finden sich zusammen und diskutieren darüber, wie eine ideale Gesellschaft aufgebaut werden sollte. Das Seltsame und rein Hypothetische daran; Die Verhandlungen finden statt, bevor die Menschen in diese Gesellschaft hineingeboren werden: Ihre zukünftigen Rollen sind ihnen unbekannt und werden, ebenso wie das Geschlecht und die Talente und Fähigkeiten, bei der Geburt ausgelost – niemand, der für eine feudale Gesellschaftsform plädiert, könnte so sicher sein, als Adliger oder reicher Bürger geboren zu werden, zumal die Wahrscheinlichkeit, der breiteren und ärmeren Gesellschaftsschicht anzugehören, weitaus größer ist.

Von daher schließt Rawls, dass sich die Verhandlungspartner auf eine Gesellschaft einigen würden, die insbesondere dafür sorgt, dass alle Menschen Zugriff auf die gleichen Grundfreiheiten haben – soweit dies möglich ist, ohne dieselben Grundfreiheiten anderer zu beeinträchtigen. Die daraus resultierende Verteilung von Reichtum und Ämtern, die durchaus Ungleichheiten aufweisen darf, sollte dazu dienen, die die am stärksten Benachteiligten zu unterstützen.

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