Kreativität und wissenschaftliches Arbeiten

Wissenschaftliches Schreiben gilt vielen Menschen als eine dröges und langweiliges Aufgabenfeld, das durch strikte Formalien und genaue Methodenvorgaben zusätzlich eingeengt wird. Wo bleibt da die Kreativität?

Zugegeben: Der Spielraum für unkonventionelle Assoziationen, für gewagte Gedankenexperimente und plastische Metaphern ist in den meisten wissenschaftlichen Bereichen begrenzt. Ein allzu freier Umgang mit Gedanken und Ideen gerät schnell in den Ruf, unseriös zu sein. Aber auch ein Mangel an Kreativität macht sich in vielen Arbeiten bemerkbar: Die Folgen bestehen in einer unflexiblen Methodologie oder einer blinden Autoritätsgläubigkeit, die keinerlei Abweichung von den Argumentationsweisen der klassischen Autoren beinhaltet.

Dabei wird verkannt, dass es gerade die Kreativität, das unkonventionelle Denken und die Fähigkeit zur Verknüpfung unterschiedlichster Themen sind, denen frühere Wissenschaftler ihr Ansehen, ihren Erfolg und ihre Autorität verdanken.

Ein wissenschaftlicher Text wird allerdings erst dann als gelungen wahrgenommen, wenn die dargebotene Originalität und Kreativität eine feste Grundlage haben, nämlich die handwerklich einwandfreie Methodik und die Berücksichtigung wissenschaftlicher Arbeitsweisen; Ein Pianist wird kaum erfolgreiche Improvisationen spielen können, wenn er nicht zuvor die nötigen Erfahrungen gesammelt und die handwerklichen Fähigkeiten erworben hat.

Von Studenten der ersten Semester – deren Entdeckungsdrang und kreativer Enthusiasmus einen hohen Stellenwert genießt – wird daher mitunter erwartet, sich etwas zurückzuhalten: Die Bewertung von Hausarbeiten erfolgt anhand nachvollziehbarer Kriterien. Kreativität gehört mangels Mess- und Vergleichbarkeit meist nicht dazu, ebenso ist fraglich, inwieweit der zuständige Dozent überhaupt dafür empfänglich ist. Auch muss vor einer falschen Anwendung von Kreativität gewarnt werden: Schwungvolle Gedanken sollten nicht durch gekünstelte Formulierungen ausgehebelt werden. So sehr die sprachliche und stilistische Seite des Textes auch vom Leser geschätzt wird – eine übermäßig ausgefeilte, nach sprachlicher Perfektion strebende Formulierung wirkt mitunter unnatürlich oder langweilig.

Wissenschaftliche Kreativität hat verschiedenste Spielarten: Flexibilität, Originalität und das gekonnte Wechselspiel von Methodik, Forschung und Schlussfolgerungen sind die freundlichen Gesichter der Kreativität – Verstellung, Übertreibung und Künstlichkeit dagegen die hässlichen.

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