Relotius: Gefühlsjournalismus vs. Wissenschaftlichkeit

Längst schleichen sich in Journalismus und Wissenschaft schädliche Trends ein

Claas Relotius, bis vor kurzem einer der Vorzeigejournalisten der Bundesrepublik, ausgezeichnet mit zahlreichen Preisen und Ehrungen, hat wesentliche Teile seiner Berichterstattung frei erfunden oder schlicht gefälscht.

Die Motivation

Es ging Relotius nach eigener Aussage darum, den immensen „Druck“ zu bewältigen und unmöglich erscheinende Reportage-Aufträge trotz allem fertigzustellen. Die Art etlicher seiner Fälschungen weist dagegen in eine andere Richtung: Denn es ging weniger um Fakten, als vielmehr um Gefühle, die sich mit der politisch-ideologischen Zielrichtung des Artikels decken sollten.
Die auf Emotionen basierende Schreibweise ist nicht auf das Mediensystem beschränkt, sondern existiert auch vielfach in der Wissenschaft: Gerade bei emotional hoch aufgeladenen Themen wie der Flüchtlings-, der Umwelt oder der Gleichstellungspolitik sollte darauf geachtet werden, die Fakten als solche zu schildern und nicht aus einem falsch verstandenen Idealismus heraus etwa zurechtzubiegen: Dort, wo wissenschaftliches Handeln stark emotional beeinflusst ist, droht die Wissenschaftlichkeit verlorenzugehen.

Raus aus der Gefühlsfalle

Jeder Mensch verfügt über emotionale Prägungen und Werthaltungen. Die Frage, ob Wissenschaft sich in den Dienst dieser Werthaltungen stellen oder sich auf die Ermittlung von Fakten und logischen Schlüssen begrenzen sollte, ist einer der Grundkonflikte des Feldes.
Es gibt hierbei nur subjektive Antworten und die Vorschläge beider Seiten können parallel zueinander existieren: Sollte Wissenschaft also einen aktiven Beitrag zur (wie auch immer gearteten) Verbesserung menschlichen Lebens beitragen oder sollte sie sich auf die Forschung konzentrieren und die Verwendung ihrer Ergebnisse der Gesellschaft überlassen?
Fest steht, dass Studenten gut beraten sind, auf eine übermäßige Emotionalisierung ihrer Arbeiten zu verzichten. Denn ein solcher Stil lässt darauf schließen, dass möglicherweise auch das passend gemacht wird, was nicht passt – etwa in Form einer Vernachlässigung von Ergebnissen, die nicht die gewünschte Aussage unterstützt.
Akademische Ghostwriter kennen das Problem in der Regel sehr gut und konzentrieren sich auf die rational-logischen Aspekte eines Themas.

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