Studentische Leistungsfähigkeit (I)

Oft beklagen sich Universitätsveteranen über einen Rückgang des Niveaus – mitunter durchaus zu recht.

Das Problem

Wer ab und an Gelegenheit hat, offene Gespräche mit Dozenten zu führen, der wird feststellen, dass viele von ihnen der Ansicht sind, Studenten seien heute unkonzentrierter, kindlicher und weniger belastbar als in der „guten, alten Zeit“ des eigenen Studiums. Zudem sind heute studentische Klagen über den wachsenden „Leistungsdruck“ lauter, und – dank sozialer Medien – weit verbreiteter als je zuvor. Auch kommt es verstärkt zum Einsatz leistungsfördernder Medikamente. Wie geht dies zusammen?
Schaffen wir eine studentische Generation, die nicht mehr in der Lage ist, ihre Ausbildung zu absolvieren, die aber gleichzeitig mental instabiler und wehleidiger ist?

Studieren früher

Fest steht, dass sich die Bildungsmethoden enorm gewandelt haben: Es wird nicht mehr „gnadenlos ausgesiebt“, sondern das Studium steht heute mehr Personen zur Verfügung als je zuvor. Nicht jeder Student ist für eine universitäre Laufbahn geeignet, häufig wird während einer langen Orientierungsphase auch rein „aus Verlegenheit“ studiert. Ein weiterer Faktor könnte darin bestehen, dass die beruflichen Möglichkeiten vielfältiger, das Leben an sich komplexer und entscheidungslastiger ist als in früheren Zeiten. Wer um 1900 in Deutschland Althistoriker werden wollte und wem dieser Weg offenstand, der sah sich durchaus einem enormen Leistungsdruck ausgesetzt und musste umfassende Altgriechisch- und Lateinkenntnisse erwerben. Häufig wurden auch die Ersparnisse der Familie und die seltene Freizeit dem hohen Ziel einer akademischen Laufbahn geopfert, so dass Scheitern keine Option war. Anderseits mussten die Studienlehrstoffe zwar intensiv durchdrungen werden, bestanden häufig aber auch aus eher statischem, auswendig zu lernenden Wissen.
Ein einmal eingeschlagener Karrierepfad blieb in der Regel das ganze Leben lang erhalten – mit viel Arbeit, aber ohne ständige Neuerungen, ohne Selbstvermarktung – und ohne ein ständig blinkendes und tönendes Smartphone.

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