Theorie und Praxis im wissenschaftlichen Arbeiten

Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie. Und in der Theorie ist diese auch eine feine Sache: Aus sicherer Entfernung betrachtet sie die Fakten, berichtet über Situation und Veränderung, führt Gedankenexperimente durch und lässt sich in übersichtlichen Abhandlungen erfassen.

Ginge es beim wissenschaftlichen Arbeiten nur um die Theorie, so wäre dies ein Traum für die Arbeiter im stillen Kämmerlein: Weltabgewandt lassen sich geistreiche Dialoge mit den Klassikern führen und originelle Ideen fabrizieren.

Eine solche, abgeschiedene theoretische Traumwelt überlebt jedoch die Begegnung mit der Praxis nicht. Denn für die meisten aussagekräftigen wissenschaftlichen Arbeiten – selbst wenn es sich um ein sehr abstraktes und philosophisches Thema handelt – ist der Praxisbezug nötig: Denn Theorien entstehen nicht aus dem Nichts, sondern aus der Beobachtung der Praxis. Und selbst eine erkenntnistheoretische Arbeit wäre äußerst dürftig, würde sie die praktischen, biologischen und psychischen Grundlagen vernachlässigen, auf denen der Wissenserwerb stattfindet.
In der Soziologie dagegen sind es weitere Beobachtungsinstrumente – wie das Interview oder die statistische Auswertung – die zum Einsatz kommen.

Gute wissenschaftliche Arbeit entsteht erst dann, wenn sowohl die theoretischen wie auch die praktischen Zugänge beherrscht werden. Im Idealfall profitieren beide Felder voneinander. Nehmen wir an, wir möchten die Einstellung der Bevölkerung zu einer bestimmten Frage erfahren: Hier kommt zunächst die Theorie zum Einsatz: Statistik und Umfrageforschung liefern die nötigen Methoden, sie beantworten die Fragen nach Größe und Auswahl der Stichprobe, nach der Herangehensweise und der konkreten Art der Befragung. Jetzt ist praktisches Vorgehen nötig: Ein Pretest mit einigen Kandidaten zeigt, wo Probleme auftauchen, welche Formulierungen missverständlich sind und wo der Fragebogen ergänzt oder gekürzt werden sollte.

Bei der Befragung selbst werden die Daten erhoben, später digitalisiert, bereinigt und ausgewertet. Die Forschungsfrage kann nun beantwortet werden, wobei die Erkenntnisse auch in die spätere Theoriebildung einfließen und dazu führen, dass die nächsten Forschungsvorhaben noch professioneller gestaltet werden.

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