Wenn Quellen sich widersprechen

Kaum eine Wissenschaft weist eine derartige Schärfe und logische Stringenz auf wie die Mathematik. Obwohl es selbst dort zur Auseinandersetzung um einzelne Definitionen kommt, erscheint diese Wissenschaft zunächst als kohärentes Konstrukt, das eine Vielzahl von Methoden bereitstellt. Ganz anders dagegen die Geistes- und Sozialwissenschaften, wo bereits Erstsemester eifrig definieren, interpretieren, streiten und sich widerlegen.

Richtig lesen

Ganz ähnlich, wenn auch auf deutlich höherem Niveau, geht es zu, wenn sich die Lehrstuhlinhaber und etablierten Wissenschaftler widersprechen. Denn ihre Theorien sind komplex und für Laien kaum zu verstehen, so dass die Gefahr von Missverständnissen wächst.
Gerade Studenten der ersten Semester, für die der Umgang mit wissenschaftlichen Texten noch neu ist, sind verständlicherweise leicht überfordert, wenn sie auf widersprüchliche Positionen stoßen, von denen sich keine leicht entkräften, widerlegen oder als falsch erkennen lässt. Denn die Autoren sind meist langjährig herangereifte und geschickte Überzeugungstäter, die sich kaum handwerkliche Fehler nachweisen lassen. Dies wäre zumeist auch der falsche Ansatz. Denn die Geistes- und Sozialwissenschaften zeichnen sich dadurch aus, dass mehrere Erklärungsmodelle und Ansätze parallel zueinander existieren können.

Richtig schlussfolgern

Studenten sind also gut beraten, sich bei der Urteilsbildung Zeit zu lassen, bis die grundlegend unterschiedlichen Gedankengänge zumindest im Ansatz nachvollzogen werden konnten. Erst dann kann zu einer detaillierten Bewertung übergegangen werden, wobei zusätzliche Quellen neue Perspektiven eröffnen und das Thema in einen größeren Zusammenhang stellen können.
Möglicherweise ergeben sich bei genauerem Hinsehen Aspekte, die die Hintergründe von Meinungsverschiedenheiten offenbaren – gleichgültig, ob es sich um tiefgehende ideologische Konflikte handelt, um Interpretationsunterschiede oder um zwischenmenschliche Antipathie; Oft findet sich die Erklärung fernab der Faktendiskussion. Dies zu erkennen kann der Schlüssel zum Verständnis einer als „wissenschaftlich“ bezeichneten Kontroverse sein. Bis eine derartige Erkenntnis vorliegt, ist jedoch sorgfältig abzuwägen und von weitreichenden Urteilen bzw. Verurteilungen abzusehen.

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