Wissenschaftliches Schreiben: Vom richtigen Moment

Erstsemester verbinden mit dem wissenschaftlichen Schreiben Begriffe wie Kreativität und Inspiration – und begehen damit einen verhängnisvollen Fehler.

Denn im Grunde handelt es sich um eine Verwechslung von literarisch-künstlerischem mit akademischem Schreiben. Während es beim Verfassen von Kurzgeschichten, Romanen oder Gedichten durchaus sinnvoll sein kann, sich von der Muße küssen zu lassen, sollte beim wissenschaftlichen Schreiben nicht zu lange auf einen solchen Moment gewartet werden. Denn er ersetzt weder die nötige Textrecherche, noch das Studium der Methoden – im ungünstigsten Fall kann der so erstrebte musische Moment auch völlig ausbleiben.

Einem fertigen wissenschaftlichen Text, der seinen Zweck erfüllt, sollte man nicht zu sehr ansehen, ob der Autor beim Schreiben gut oder schlecht gelaunt, gelangweilt oder euphorisch war. Denn akademische Texte, wie sie an Universitäten erstellt werden, haben nicht die Funktion, Menschen aufzurütteln, zu bewegen, in Erstaunen zu versetzten oder zu verzaubern. Stattdessen sollen sie möglichst nüchtern und objektiv den Stand der Forschung wiedergeben, theoretische Ansätze diskutieren und zu korrekten und nachvollziehbaren Schlüssen kommen.

Wissenschaftliche Texterstellung darf sich daher nicht von einzelnen, inspirierten Momenten oder der Suche nach möglichst kreativen Lösungen abhängig machen. Auch die Jagd nach dem einen (perfekt ausformulierten) Satz kann schnell zu einer zeitraubenden Belastung werden. Je nach Arbeitsmethode ist es möglicherweise günstiger, die Anforderungen etwas zu lockern und zunächst Stichworte oder halb ausformulierte Sätze aufs Papier zu bringen, die dann schrittweise ergänzt und verbessert werden. Auf diese Weise kommt zumindest etwas Text zustande und die gelegentliche Panik, zum Abgabetermin nichts vorweisen zu können, schwindet.

Der richtige Moment für wissenschaftliches Schreiben ist also nicht immer derjenige, an dem der Autor sich besonders inspiriert fühlt. Der richtige Moment ist immer dann, wenn die nötigen Informationen vorliegen, die passenden Bücher gelesen wurden und Zeit zum Ausformulieren eigener Gedanken bleibt. Je mehr sich solche Momente häufen und zur alltäglichen Routine werden, umso leichter fällt das Schreiben und umso weniger stellt sich die Frage nach dem einzig passenden Zeitpunkt.

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